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Spaltet sich Italien?



Update: Am 19. 8. 2011 verkűndete Umberto Bossi, der Chef der starken Regionalpartei Lega Nord: Die Menschen verstehen immer mehr, dass Italien ein böses Ende nimmt, und sie bereiten sich auf das Nachher vor. Fűr uns heisst das Nachher Padania. Vereinigt wären die Völker des Nordens der stärkste Staat Europas. ("La gente capisce sempre di più che l'Italia va a finire male e quindi si prepara al dopo. E per noi il dopo è la Padania.I popoli del nord uniti sarebbero lo stato più forte d'Europa")

Das Ende der Einheit nach 150 Jahren?

Schon vor Wochen wurden Stimmen lauf, die warnten, dass Norditalien den Verlust des Euro nicht hinnehmen wűrde. Kurioserweise war es die separatistische Lega Nord-Partei, die vor Jahren gegen den Euro polemisierte und die Rűckkehr zur Lira forderte.

Nun ist die Situation paradox: die Lega, die schon vor Jahren klammheimlich ihr Ziel aufgab, Italien zu zerschlagen und einen eigenen norditalienischen Staat Padania zu schaffen, muss nun erneut und diesmal konkret die Teilung Italiens anvisieren, weil es die Wirtschaft fordert.

Seinerzeit erlebte die Lega, dass ihr die Wähler davonliefen, als sie allzu laut die Trennung von Rom forderte. Jetzt aber sieht sich die mächtige Wirtschaft Norditaliens vom Verlust ihrer Basis bedroht.

Dank des Euro ist Norditalien integraler Bestandteil der mitteleuropäischen Wirtschaft geworden. Műsste Italien die Eurozone verlassen, so wűrde der Norden seine wichtigsten Wirtschaftsbeziehungen und die mittlerweile gewohnten finanziellen Vorteile verlieren. Der Sűden Italiens als Absatzmarkt fűr die Industrien des Nordens kann den Verlust Mitteleuropas und des Euro nicht wettmachen. Also wäre es logisch, Sűditalien aufzugeben, wenn man damit ökonomisch ein Teil der Eurozone bleiben kann.

Man soll den Patriotismus der Norditaliener nicht unterschätzen. Sie verstehen sich zwar als eine Art Schweizer im Vergleich zu Kalabresen und Sizilianern, aber ihr Herz pocht doch stark italienisch. Ihre Könige haben Italien geeint, ihre Soldaten haben in blutigen Schlachten des Ersten Weltkriegs Österreich-Ungarn besiegt.

Dennoch hat ein Jahrzehnt Propaganda fűr Padania Wirkung gezeigt. Die politischen und institutionellen Strukturen fűr einen Teilstaat sind gebildet worden. Die geografischen Grenzen Padanias sind freilich unklar. Im Sűden gehört die Emilia-Romagna mit Bologna sicherlich dazu. Aber wie steht es mit der Toskana und Florenz? Und gar Umbrien?

Die neue Hauptstadt wäre wohl Monza, wohin jetzt schon dank der Lega drei Ministerien aus Rom in den Palast der Villa Reale verlegt werden, nicht in das űbervölkerte Mailand. Aber wie steht es mit den Streitkräften, der Staatsverschuldung, dem Staatsbesitz? Wűrden sich Padania und Restitalien dies gemäss der Bevölkerungsgrösse hälftig teilen, wäre der Norden fein heraus. Seine Staatsanleihen wűrden auf Grund seiner wirtschaftlichen Potenz stark nachgefragt werden, und der Verbleib Padanias in der Eurozone wäre unproblematisch.

Der Sűden mit Rom als Hauptstadt wűrde mit Sicherheit Bankrott anmelden und auf das Niveau eines besseren Armenhauses wie Griechenland absinken. Nicht auszudenken, welche Macht die kriminellen Organisationen des Sűdens in Rom erringen wűrden. Die Mafias wären die grösste Unternehmung und der wichtigste Arbeitgeber Restitaliens.

Dies bedenkend, hat Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano deutlich seine Ablehnung der Teilungsideen kundgetan, zuletzt anlässlich der 150-Jahrfeier der Einigung Italiens.

Der Sűden befände sich in einer Lage, die der Serbiens im Kosovo ähnelt. Einer unilateralen Unabhängigkeitserklärung des Nordens hätte der Sűden wenig entgegen zu setzen. Militärische Gewalt gegen einen reichen, industrialisierten Norden verbietet sich seit dem amerikanischen Sezessionskrieg von selbst.

Bei den Gesprächen der grossen Wirtschaftsfűhrer mit Premier Silvio Berlusconi hinter geschlossenen Tűren dűrfte die Drohung der Abspaltung Padanias das stärkste Argument sein, mit dem endlich Reformen, ein Ende der Untätigkeit und eine űberzeugende italienische Antwort auf die Bedingungen der Finanzmärkte gefordert werden.

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—— Benedikt Brenner



Update

Die Europäische Zentralbank EZB hat italienische und spanische Anleihen gekauft. Das hat die Märkte beruhigt, vermutlich nur vorűbergehend. Als Preis hat die Regierung Berlusconi ihre wirtschafts- und finanzpolitsche Souveränität weitgehend aufgeben muűssen: wie weitgehend, das möchten die Opposition und die Gewerkschaften in Italien nun dringend wissen.

Berlusconi, der sich als einer der Granden der Welt versteht, ziert sich. Er will die Karten nicht auf den Tisch legen, wie es sein Kollege Papandreou in Griechenland tat.

Wie auch immer, Italien wird jetzt von dem Eurotower in Frankfurt und von Brűssel aus regiert, als Preis fűr die Zustimmung Deutschlands und Frankreichs zur jűngsten Rettungsaktion der EZB.

Man darf gespannt sein, wann die ersten Kontrolleure in Rom eintreffen und in die einschlägigen Ministerien einziehen werden. Umberto Bossi. der Chef der Lega Nord-Partei, die stets euroskeptisch war, hat die kommissarische Leitung Italiens durch Frankfurt űberraschend gutgeheissen. "Hauptsache, die EZB kauft italienische Bonds". Man gewinnt den Eindruck, dass die Lega Italien bereits abgeschrieben hat und den Schulterschluss mit der EU sucht, um Verbűndete fűr das Projekt Padania zu gewinnen.

Einen grossen Vorteil bietet Italien gegenűber Griechenland: es gibt vor allem in Brűssel viel mehr Fachleute, die italienisch lesen können, als griechisch. Das sollte die Kontrolle stark erleichtern.

Update II

Das Virus der Sezession hat nicht nur den Norden befallen: auch im Sűden zeigen sich Ansätze zu einer Revolution. Bei einer Demonstration zugunsten der streikenden Lastwagenfahrer sah man in Piazza Garibaldi in Neapel erstmals bourbonische Fahnen, getragen von Mitgliedern einer neuen Gruppe Insorgenza Civile "Bűrgerlicher Aufstand". Beppe Grillo, Komiker und Politaktivist, meint dazu, dass die Revolution, falls sie je käme, im Sűden Italiens beginnen wűrde.

Nando Dicè, Präsident der Insorgenza Civile beschreibt seine Bewegung als eine Gruppe von uomini liberi che si organizzino per riconquistare la propria sovranità per un Sud finalmente libero e non più colonizzato, sfruttato ed offeso quotidianamente "Freie Menschen, die sich organisieren, um ihre Souveränität zurűck zu gewinnen fűr einen endlich freien Sűden, der nicht mehr Kolonie ist, ausgebeutet und täglich beleidigt".